Wie funktioniert Rollstuhl-Curling?
Regeln, Wertung und das neue Mixed-Doubles-Format in Mailand 2026
Zuletzt aktualisiert: 25. März 2026
Rollstuhl-Curling folgt derselben Wertungslogik wie das klassische Curling — das Team mit den Steinen am nächsten am Mittelpunkt des Hauses punktet pro End. Zwei Regeln verändern die Taktik aber grundlegend: kein Wischen (der Stein lässt sich nach der Abgabe nicht mehr beeinflussen) und ein Abstoßstab ersetzt die klassische Gleitabgabe. Damit wird jeder Wurf zur reinen Präzisionsaufgabe ohne Korrekturmöglichkeit. Bei den Paralympics Mailand-Cortina 2026 feiert Mixed Doubles seine Premiere und ergänzt das Teamturnier um ein schnelles Zwei-Personen-Format.
Worin unterscheidet sich Rollstuhl-Curling vom klassischen Curling?
Rollstuhl-Curling nutzt dieselbe Ausrüstung und dieselbe Wertung wie das klassische Curling — die gleichen 19,5 kg schweren Granitsteine, das gleiche Haus mit 12 Fuß Durchmesser, dieselbe Wertung nach dem Stein, der am dichtesten am Button liegt. Zwei Regeln machen den Sport strategisch trotzdem völlig anders: Wischen ist nicht erlaubt, und alle Würfe erfolgen aus dem stehenden Rollstuhl mit einem Abstoßstab.
Dazu kommen kleine Formatunterschiede: Ein Spiel geht über 8 Ends (statt 10), jedes Team wirft 6 Steine pro End (statt 8). Das punktende Team bekommt im nächsten End nicht den Hammer (Vorteil des letzten Steins) — der bleibt beim nicht punktenden Team. Damit entsteht dieselbe taktische Hammer-Dynamik wie im klassischen Spiel.
Wie die Wertung im klassischen Curling im Detail funktioniert, erklärt unser Leitfaden Wie funktioniert die Curling-Wertung.
Warum wird im Rollstuhl-Curling nicht gewischt?
Wischen ist im Rollstuhl-Curling verboten — und genau diese eine Regel verändert alles. Im klassischen Curling wischen zwei Teamkollegen das Eis vor dem Stein, um Tempo und Richtung nach der Abgabe zu steuern; im Rollstuhl-Curling ist die Bahn des Steins fest, sobald er den Abstoßstab verlässt. Tempo und Rotation müssen im Moment der Abgabe sitzen, eine Korrektur gibt es nicht.
Der Grund ist praktisch: Rollstuhl-Curling-Athleten sitzen und können neben dem Stein auf dem Eis nicht sicher mitlaufen, um zu wischen. Statt das Wischen anzupassen (was unpraktisch und gefährlich wäre), wurde der Sport von Beginn an um das No-Sweeping-Prinzip herum entworfen — Rollstuhl-Curling ist damit ein noch reineres Präzisionsspiel als die klassische Variante.
Das relativiert auch das Gewicht einzelner Wurffehler: Im klassischen Curling lässt sich ein leicht zu kurzer Stein durch gutes Wischen retten. Im Rollstuhl-Curling ist jeder Stein genau das, was er beim Verlassen des Abstoßstabs ist.
| Element | Regular Curling | Wheelchair Curling |
|---|---|---|
| Wischen | Ja — 2 Wischer steuern Lauf und Tempo | KEIN Wischen erlaubt |
| Abgabe | Gleiten aus dem Hack (Hocke + Abstoß) | Abstoßstab aus dem stehenden Rollstuhl |
| Teamgröße | 4 Spieler | 4 Spieler (gemischtes Geschlecht Pflicht) |
| Ends | 10 Ends | 8 Ends |
| Steine pro End | 8 pro Team | 6 pro Team (Mixed Doubles: 5) |
| Taktische Folge | Fehler durch Wischen korrigierbar | Jeder Wurf muss ab Abgabe sitzen |
Wie werfen Rollstuhl-Curler den Stein?
Rollstuhl-Curler werfen mit einem Abstoßstab — einer ausziehbaren Stange (etwa 1,5–2 Meter lang) mit einer Halterung an einem Ende, die auf den Griff des Steins aufgesetzt wird. Der Spieler bleibt im Rollstuhl sitzen, richtet den Stab aus und schiebt den Stein in einer kontrollierten Armbewegung nach vorn. Weil der Rollstuhl bei der Abgabe komplett stillstehen muss, hält ein Teamkollege ihn von hinten fest, damit nichts rutscht — die ganze Kraft kommt aus dem Armdruck. Kein Körperschwung, kein Beinantrieb.
Im klassischen Curling gleitet der Spieler dagegen mehrere Meter über das Eis in tiefer Hocke, bevor er den Stein mit dem ganzen Körper löst. Die Rollstuhlabgabe ist körperlich anders, aber genauso anspruchsvoll: Gewicht, Drall und Richtung müssen im Sekundenbruchteil des Armschubs sitzen, danach lässt sich nichts mehr korrigieren.
Rotationstechnik: Wie im klassischen Spiel gibt der Spieler dem Stein beim Anschieben eine leichte Rotation mit (im oder gegen den Uhrzeigersinn) — der Griff dreht sich, während der Stein losläuft. Diese Rotation bestimmt, wie stark der Stein über die Bahn curlt. Tempo und Drall gleichzeitig richtig zu treffen, ist die Kernkompetenz im Rollstuhl-Curling.
Wie werden im Rollstuhl-Curling Punkte erzielt?
Die Wertung im Rollstuhl-Curling ist identisch mit dem klassischen Curling:
- Nach allen Steinen eines Ends wird ermittelt, welches Team den Stein am dichtesten am Button (genauer Mittelpunkt des Hauses) hat.
- Dieses Team bekommt einen Punkt für jeden eigenen Stein, der näher am Button liegt als der nächste Stein des Gegners.
- Pro End punktet nur ein Team. Liegt kein Stein im Haus, ist das End blank (0:0), und der Hammer (Vorteil des letzten Steins) bleibt beim Hammer-Team.
Beispiel: Nach einem End hat Team A die Steine an Position 1, 3 und 5 nach Buttonabstand. Team B hat Position 2 und 4. Team A bekommt 1 Punkt (nur der nächstgelegene Stein zählt, weil der zweitnächste Stein von Team B die weitere Zählung blockiert).
Anderes Beispiel: Team A hat die Steine 1, 2 und 3 am nächsten. Der nächste Stein von Team B ist Nummer 4. Team A bekommt 3 Punkte — ein deutlicher Schwung.
Das punktende Team bekommt im nächsten End NICHT den Hammer — er geht an das nicht punktende Team. Daraus entsteht ein taktisches Dilemma: Manchmal blankt ein Team ein End absichtlich (null Punkte), um den Hammer für ein potenzielles Mehrpunkt-End zu behalten.
Neu 2026: Mixed Doubles feiert Paralympics-Premiere
Mixed Doubles Rollstuhl-Curling feiert bei den Paralympics Mailand-Cortina 2026 seine Premiere und ergänzt das Rollstuhl-Curling-Programm um eine zweite Medaillenentscheidung.
Teamaufstellung: Ein Mann und eine Frau pro Team (2 Spieler, gegenüber 4 im Teamwettbewerb).
Steine: 5 Steine pro Team und End (statt 6 im Teamwettbewerb). Jeder Spieler wirft 2 Steine plus einen zusätzlichen abwechselnden Stein.
Vorgesetzte Steine: Anders als im Teamwettbewerb beginnt jedes End mit je einem bereits platzierten Stein beider Teams an taktischen Positionen. Das garantiert Action ab dem ersten Wurf und beschleunigt das Spiel.
Power Play: Einmal pro Spiel kann jedes Team einen Power Play ausrufen, der die vorgesetzten Steine an eine Seite des Hauses verschiebt und neue taktische Winkel öffnet. Den Power Play richtig zu timen, ist eine zentrale Entscheidung.
Ends: 8 Ends (gleich wie im Teamwettbewerb).
Warum das zählt: Mixed Doubles bringt schnelleres Tempo, gibt jedem Stein mehr Gewicht (weniger Steine insgesamt — jeder einzelne wiegt schwerer) und erhöht die Bedeutung individueller Wurfqualität, weil sich nur zwei Spieler die Arbeit teilen.
Einen vollständigen Überblick über das paralympische Programm gibt unser Hub-Guide zu Mailand-Cortina 2026.
Wie verändert das fehlende Wischen die Taktik?
Ohne Wischen verwandelt sich Curling in ein schachartiges Spiel:
Guards werden zentral — Im klassischen Curling lassen sich Guards (Sperrsteine vor dem Haus) durch Wischen noch nachjustieren, wenn sie nicht perfekt liegen. Im Rollstuhl-Curling müssen Guards absolut präzise platziert werden, weil es keine Korrektur gibt. Damit ist die Guard-Platzierung wohl die wichtigste Fähigkeit im Spiel.
Draw-Tempo muss exakt sitzen — Ein Draw (Wurf, der an einer bestimmten Stelle stoppen soll) verlangt perfekte Tempoeinschätzung. Im klassischen Curling können Wischer einem zu leichten Stein 0,5–1,2 m Distanz hinzufügen. Im Rollstuhl-Curling bleibt ein leichter Stein leicht — er stoppt kurz, Punkt. Das erfordert seltene Konstanz im Abstoß.
Hit-and-Roll ersetzt Draw-and-Sweep — Teams setzen häufiger auf Takeouts (gegnerische Steine herausschlagen) und Hit-and-Roll-Taktiken (gegnerischen Stein entfernen, eigener Stein rollt in eine gute Position), weil diese Schläge weniger sensibel auf das Tempo reagieren als präzise Draws.
Das Eis lesen — Ohne Wischer, die den Lauf beeinflussen, müssen Teams die Eisbedingungen perfekt lesen. Temperaturwechsel, Frostmuster und Spuren früherer Steine prägen das Verhalten jedes Steins. Der Skip (Mannschaftskapitän) ist ein außergewöhnlich guter Eisleser.
Wer darf im Rollstuhl-Curling antreten?
Rollstuhl-Curling hat das einfachste Klassifizierungssystem aller paralympischen Wintersportarten: eine Klasse. Voraussetzung ist eine deutliche Beeinträchtigung der Bein- oder Rumpffunktion, die im Alltag einen Rollstuhl erforderlich macht.
Das steht in scharfem Kontrast zu Sportarten wie Para Ski Alpin (rund 20 Klassen) oder Para Snowboard (3 Klassen). Der Grund ist praktisch: Curling braucht während des Spiels keine Beinbewegung — alle Aktion kommt aus dem Oberkörper, der den Abstoßstab schiebt. Variationen in der Beinfunktion verändern die sportliche Leistung nicht wesentlich, also bleibt eine einzige Klasse fair und übersichtlich.
Die Teams müssen gemischt sein — mindestens ein Mann und eine Frau im 4-Personen-Kader. Wie Klassifizierung in allen paralympischen Wintersportarten funktioniert, erklärt unser Leitfaden Paralympische Klassifizierung erklärt.
Was ist der Abstoßstab und wie funktioniert er?
Abstoßstäbe — Die wichtigste Ausrüstung. Abstoßstäbe sind ausziehbare Teleskopstangen (etwa 1,5–2 Meter lang) mit einer Halterung am einen Ende, die auf den Griff des Steins aufgesetzt wird. Der Spieler schiebt den Stein nach vorn, indem er den Arm streckt, solange der Stab am Griff hängt. Verschiedene Stab-Designs bieten unterschiedliche Kontrollniveaus — manche haben Gelenke zur Winkelverstellung, andere sind starr für maximale Kraftübertragung. Die World Curling Federation lässt Stab-Designs für den Wettkampf zu.
Rollstuhl-Fixierung — Während der Abgabe muss der Rollstuhl komplett stillstehen. Ein Teamkollege steht hinter dem Rollstuhl und hält ihn stabil, indem er auf die Griffe oder die Bremsen drückt. Bewegt sich der Rollstuhl während der Abgabe, ist der Stein verbrannt (aus dem Spiel genommen). Diese Regel macht die Position des Teamkollegen genauso wichtig wie die Abgabetechnik.
Eisfläche — Es wird dieselbe Curlingbahn wie im regulären Wettkampf genutzt. Rollstuhl-Curling-Athleten sitzen aber tiefer am Eis, was die Perspektive beim Zielen verändert. Der Abgabewinkel unterscheidet sich von einer stehenden oder gleitenden Position und verlangt angepasste Zieltechniken, die Spieler durch intensives Training entwickeln.
Steine — Standard-Granitsteine wie im klassischen Curling, etwa 19,5 kg schwer, mit maximal 91,44 cm Umfang.
Einen vollständigen Überblick über die Ausrüstung aller paralympischen Wintersportarten gibt unser Leitfaden Paralympische Klassifizierung erklärt.
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FAQ
Primärquellen
- World Curling — Wheelchair Curling Rules — World Curling
- IPC Athlete Classification Code — IPC
- World Curling Officiating Resources — World Curling
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