Lacrosse-Schiedsrichter-Leitfaden: Rollen, Strafen, Flag und Abläufe
Crew-Aufbau, Strafenmanagement und Spielleitung
Zuletzt aktualisiert: 9. März 2026
Ein 3-Personen-Gespann auf dem Feld leitet ein Lacrosse-Spiel: ein Referee (Hauptschiedsrichter) und zwei Umpires. Der Referee hat die letzte Entscheidung bei Spielleitung, Strafen und Toren. Strafen laufen über das Flag-System — der Schiedsrichter wirft eine gelbe Flagge, das Spiel läuft weiter, bis Ballbesitz wechselt oder die Torchance endet. Fouls gliedern sich in technisches Foul (30-Sekunden-Strafe, releasable) und persönliches Foul (Zeitstrafe von 1 bis 3 Minuten, nicht releasable); die Vollstreckung hängt davon ab, welches Team gerade Ballbesitz hatte.
Das 3-Personen-Gespann: Referee und Umpires
Im Männer-Feld-Lacrosse leitet ein 3-Personen-Gespann auf dem Feld das Spiel: ein Referee und zwei Umpires. Jede Position hat eigene Aufgaben und einen festen Bereich.
Der Referee (Hauptschiedsrichter)
Der Referee ist die senior official auf dem Feld und hat die letzte Entscheidung. Zu den Aufgaben gehören:
- Spielleitung: Spiel anpfeifen und unterbrechen, Spieluhr verwalten, Ablauf der Partie steuern
- Strafenmanagement: Fouls erkennen, Schwere bestimmen, Strafbank steuern
- Tor-Entscheidungen: Tore anerkennen oder annullieren — etwa bei Torraumfehler, Ablauf der Shot-Clock oder anderen Verstößen
- Münzwurf und Vor-Spiel: Vor-Spiel-Besprechung mit den Kapitänen, Festlegung des wechselnden Ballbesitzes
- Position: läuft meist hinter dem Spiel und behält einen weiten Blickwinkel auf die Aktion
Die beiden Umpires
Die zwei Umpires unterstützen den Referee und decken jeweils ihre Hälfte des Felds ab:
- Lead Umpire: positioniert sich vor dem Spiel in Nähe des angegriffenen Tors; zuständig für Torraumfehler, Torlinien-Entscheidungen und Fouls in Tornähe
- Trail Umpire: läuft hinter dem Spiel; deckt Mittelfeld-Aktion, Offsides und Wechsel-Verstöße ab
- Beide Umpires dürfen unabhängig Fouls anzeigen und Strafen per Flag-Wurf signalisieren
- Sie betreuen Seitenlinie und Endlinie in ihrer Zone
Kommunikation
Das Gespann verständigt sich über Handzeichen, Pfeifsignale und Zurufe. Vor und nach jedem Spielzug suchen die Schiedsrichter Blickkontakt und nutzen Positions-Cues, damit alle Bereiche abgedeckt sind. In Unterbrechungen tauschen sie sich kurz aus, um Strafentscheidungen und den nächsten Schritt abzustimmen.
Varianten in den Top-Ligen und international
Die PLL setzt auf das 3-Personen-Gespann und ergänzt es durch eine Shot-Clock-Bedienung und einen Replay Official. Im internationalen Lacrosse nach World-Lacrosse-Regeln gilt eine ähnliche 3er-Struktur. Auch im Frauen-Feld-Lacrosse arbeitet ein 3-Personen-Gespann, allerdings mit anderen Flag-Mechaniken wegen der unterschiedlichen Kontaktregeln.
Strafsystem: Erkennen, Einordnen und Vollstrecken von Fouls
Das Strafsystem ist der anspruchsvollste Teil der Lacrosse-Spielleitung. Schiedsrichter müssen die Schwere des Fouls schnell einschätzen, die richtige Strafkategorie wählen und sie umsetzen, ohne den Spielfluss zu zerreißen.
Technisches Foul (30 Sekunden, releasable)
Technische Fouls sind die leichteren Vergehen und betreffen meist Positionsspiel oder Abläufe:
- Offsides: zu viele Spieler einer Mannschaft auf einer Feldhälfte (mindestens 3 Spieler plus Torwart müssen in jeder Hälfte stehen)
- Pushing: unerlaubtes Schieben von hinten oder gegen einen Gegner ohne Ballbesitz
- Holding: Festhalten eines Gegners mit Körper oder Stock, ohne den Ball zu spielen
- Stalling / Spielverzögerung: der Ball wird nicht nach vorne getragen oder bleibt nicht im Angriffsdrittel
- Warding off: ein Angreifer drückt mit der freien Hand oder dem Arm den Stock des Verteidigers weg
- Withholding the ball from play: der Ball wird unter Stock oder Körper festgehalten
Technische Fouls werden mit einer 30-Sekunden-Strafe belegt, die releasable ist — kassiert das Team in Überzahl ein Tor, endet die Strafe sofort.
Persönliches Foul (1 bis 3 Minuten, nicht releasable)
Persönliche Fouls sind die schwereren Vergehen und betreffen gefährliches oder unsportliches Verhalten:
- Illegal Body Check (1 Min): Hit gegen einen Gegner ohne Ball oder in wehrloser Position
- Tripping (1 Min): Beinstellen mit Beinen oder Stock
- Slashing (1 bis 2 Min): kraftvoller Stockschlag in nicht erlaubte Zonen (Arme, Beine, Körper)
- Cross-Check / Stockcheck (1 bis 2 Min): Stoß mit dem zwischen beiden Händen waagerecht gehaltenen Schaft
- Unnecessary roughness (2 bis 3 Min): übermäßige Härte über das Spielnotwendige hinaus
- Unsportsmanlike conduct (1 bis 3 Min): Diskussionen mit den Offiziellen, Provokationen oder anderes unsportliches Verhalten
Persönliche Fouls sind nicht releasable — die Strafzeit läuft komplett ab, egal wie viele Tore in dieser Zeit fallen.
Entscheidungsbaum bei der Ahndung
- Foul einordnen — technisch oder persönlich?
- Ballbesitz prüfen — welches Team hatte den Ball?
- Vorteil anwenden — bei Foul am ballführenden Team Flag werfen, Spiel läuft weiter (Slow Whistle)
- Strafmaß festlegen — Dauer und ob releasable
- Strafbank steuern — Spieler zur Box leiten und mit dem Kampfgericht-Tisch abstimmen
Flag-Mechanik: Slow Whistle und Play-on
Lacrosse setzt auf ein eigenes Flag-und-Pfeife-System zur Ahndung, das sich von anderen Mannschaftssportarten deutlich abhebt. Wer es einmal verstanden hat, liest das Spiel anders — sowohl als Schiedsrichter als auch als Zuschauer.
Der Flag-Wurf
Wer ein Foul sieht, wirft eine gelbe Strafflagge aufs Feld. Die Flag ist ein beschwertes gelbes Tuch, das die Schiedsrichter im Gürtel oder in der Tasche tragen. Der Wurf soll sichtbar und klar sein — hoch genug, dass Spieler, Trainer und Tisch ihn mitbekommen.
Der Slow Whistle (Vorteilsregel)
Die auffälligste Eigenheit der Lacrosse-Spielleitung ist der Slow Whistle (auch Flag-Down):
- Bei einem Foul gegen das Team in Ballbesitz wird die Flag geworfen, das Spiel läuft weiter
- Das gefoulte Team behält den Ball und darf versuchen zu treffen
- Abgepfiffen wird, sobald
- das gefoulte Team ein Tor erzielt (Tor zählt, Strafe wird trotzdem verhängt)
- das gefoulte Team den Ballbesitz verliert (Turnover, Wurf daneben, Ball im Aus)
- das gefoulte Team selbst ein Foul begeht
- die Spielzeit endet
Die Vorteilsregel verhindert, dass das gefoulte Team für das Foul bestraft wird — es bekommt erst seine Angriffschance zu Ende gespielt, bevor die Strafe greift.
Play-on (kein Pfiff)
In manchen Situationen ruft der Schiedsrichter beim Flag-Wurf laut „Play on“ oder „Flag down“. Damit weiß jeder auf dem Feld, dass ein Foul gepfiffen wurde, das Spiel aber weiterläuft. So eine Flag-Down-Phase kann ein paar Sekunden bis über eine Minute dauern, während das angreifende Team den Abschluss sucht.
Sofortiger Pfiff
Manche Fouls werden sofort abgepfiffen (kein Vorteil):
- Fouls des Teams in Ballbesitz — das Spiel stoppt umgehend
- besonders gefährliche Fouls (z. B. brutale Body Checks), bei denen die Spielersicherheit auf dem Spiel steht
- Fouls in toter Spielphase oder während eines Face-offs
- Fouls in Situationen ohne klaren Ballbesitz (Loose-Ball-Foul)
Mehrere Flags
Werden in einer Aktion mehrere Fouls begangen, arbeitet das Gespann sie nacheinander ab. Bei Fouls auf beiden Seiten heben sie sich entweder auf (Coincidental Penalties) oder die Strafen werden nacheinander abgesessen.
Torraumregeln: die geschützte Zone vor dem Tor
Der Torraum ist eine der am strengsten geregelten Zonen auf dem Lacrosse-Feld. Schiedsrichter müssen ihn ständig im Blick haben, weil Verstöße direkt die Tor-Entscheidung beeinflussen.
Maße des Torraums
- Männer-Feld-Lacrosse: Kreis mit 9 Fuß Radius (2,74 Meter) um den Mittelpunkt der Torlinie
- Box-Lacrosse: Halbkreis-Torraum vor jedem Tor, ähnlich wie beim Eishockey
- Frauen-Feld-Lacrosse: 8-Meter-Bogen rund um das Tor
Torraumfehler in der Offensive
Die zentrale Torraumregel ist klar: kein Angreifer darf zu irgendeinem Zeitpunkt in den Torraum. Häufige Verstöße:
- Eintritt in den Torraum: Berührt ein Körperteil des Angreifers den Torraum, wird ein während oder direkt danach erzieltes Tor annulliert
- Brechen der Torraum-Ebene: Der Stock darf in den Luftraum über dem Torraum reichen, um den Ball zu spielen — der Körper muss draußen bleiben
- Tauchen durch den Torraum: Verlässt ein Angreifer den Boden und gleitet beim Abschluss durch den Torraum-Luftraum, wird das Tor annulliert (anders als im Box-Lacrosse, wo bestimmte akrobatische Tore unter klaren Bedingungen zählen)
Sonderrechte des Torwarts
Im Torraum hat der Torwart besondere Rechte:
- Schutz vor Kontakt: Verteidiger dürfen Angreifer aus dem Torraum drängen; der Torwart selbst darf im Torraum nicht body-checkt werden
- 4-Sekunden-Regel: Hat der Torwart den Ball im Torraum, bleiben ihm 4 Sekunden, um zu passen oder den Torraum zu verlassen. Sonst gibt es Turnover
- Wiedereintritt: Verlässt der Torwart mit Ball den Torraum, darf er nicht mit Ball zurück in den Torraum
Verteidiger im Torraum
Verteidiger dürfen frei durch den Torraum laufen. Die Torraumregel gilt nur für Angreifer. Wer als Verteidiger einen Angreifer absichtlich in den Torraum zieht oder schiebt, um einen Verstoß zu provozieren, kassiert ein technisches Foul.
Position der Schiedsrichter bei Torraum-Entscheidungen
Für Torraum-Entscheidungen ist der Lead Official (in der Nähe des angegriffenen Tors) federführend. Er braucht durchgehend freie Sicht in den Torraum und positioniert sich typischerweise in einem 45-Grad-Winkel hinter dem Tor. Bei knappen Aktionen holt er sich vom Trail Official eine Bestätigung.
Face-off: Aufbau, Durchführung und Verstöße
Face-offs sind der Motor des Ballbesitzes im Lacrosse — sie eröffnen jedes Viertel und folgen nach jedem Tor. Wer Face-offs leitet, braucht Genauigkeit, Konstanz und schnelle Entscheidungen.
Wann ein Face-off stattfindet
- Beginn jedes Viertels: Alle vier Viertel starten mit einem Face-off in der Feldmitte
- Nach jedem Tor: Direkt nach einem anerkannten Tor geht es per Face-off weiter
- Wechselnder Ballbesitz: In Sonderfällen (etwa bei gleichzeitigen Fouls) entscheidet die Regel des wechselnden Ballbesitzes statt eines Face-offs
Aufbau des Face-offs
- Zwei Face-off-Spezialisten (FOGOs — Face Off Get Off) stellen sich an die Mittellinie
- Beide Spieler knien sich hin, die Stöcke flach auf dem Boden, parallel zur Mittellinie
- Der Ball liegt zwischen den beiden Stockköpfen am Boden
- Beide Spieler halten ihren Stock am Schaft, nicht am Kopf
- Wing Players (2 pro Team) stehen an den Restraining Lines auf beiden Seiten
- Alle anderen Spieler bleiben hinter der Restraining Line, bis Ballbesitz feststeht
Aufgabe des Schiedsrichters
Referee oder Umpire am Face-off:
- Stellung prüfen: Sind beide Spieler korrekt — Stöcke flach, Hände am Schaft, Ball mittig?
- Kommandos: „Down“ (Stellung einnehmen), dann „Set“ (Position halten)
- Pfiff: Jetzt darf um den Ball gespielt werden
- Verstöße beobachten: zu frühes Lösen, unerlaubte Techniken oder Körperfouls im Gerangel
Häufige Verstöße beim Face-off
- False Start: Bewegung vor dem Pfiff — neuer Face-off mit Verwarnung, bei Wiederholung technisches Foul
- Illegal Procedure: falsche Handhaltung, Stockposition oder Körperhaltung — Strafe oder Wiederholung
- Ball withholding: Ball wird zu lange unter Stock oder Körper gehalten — Turnover
- Body Check beim Face-off: Kontakt vor dem Pfiff oder unerlaubter Körperkontakt im Gerangel — persönliches Foul
Spiel der Wings
Die Wing Players an den Restraining Lines müssen warten, bis Ballbesitz klar ist, bevor sie die Linie überqueren. Zu frühes Lösen ergibt einen Offsides-Pfiff. Wings sind in Face-off-Situationen entscheidend — sie nehmen Loose Balls auf und schalten je nach Ausgang der Klammer in Angriff oder Verteidigung um.
Wechsel nach dem Face-off
Ist der Ballbesitz geklärt, verlässt der Face-off-Spezialist (FOGO) das Feld meist sofort und ein Mittelfeldspieler kommt rein — daher der Name „Face Off Get Off“. Der Schiedsrichter behält den Wechsel im Blick und stellt sicher, dass über die Wechselzone gewechselt wird.
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Häufige Fragen
Primärquellen
- World Lacrosse — Officials Manual und Ressourcen — World Lacrosse
- World Lacrosse — Feldregeln Männer — World Lacrosse
- World Lacrosse — Feldregeln Frauen — World Lacrosse
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