Wie wird Freestyle-Snowboard gewertet?
Halfpipe, Slopestyle und Big Air — die Wertung für Einsteiger
Zuletzt aktualisiert: 19. April 2026
Sechs Kampfrichter werten jeden Run unabhängig auf einer 0–100-Skala nach den PAVED-Kriterien: Progression, Amplitude (Höhe), Variety (Vielfalt), Execution (Ausführung) und Difficulty (Schwierigkeit). Die höchste und die niedrigste Wertung fallen weg, aus den vier mittleren wird der Durchschnitt gebildet. Über 90 ist herausragend, unter 70 bedeutet meist einen Sturz. Auch nach einem Sturz sind Punkte möglich — ein sauberer Run mit mittlerer Schwierigkeit schlägt aber fast immer einen gestürzten Run mit härteren Tricks.
Die kurze Antwort: So funktioniert die Snowboard-Wertung
Bei jedem Freestyle-Snowboard-Wettkampf — ob Olympia, X Games oder FIS-Weltcup — gilt dasselbe Grundsystem. Ein Panel aus sechs Kampfrichtern schaut sich jeden Run an und vergibt unabhängig eine einzige Wertung zwischen 0 und 100. Einzelne Tricks werden nicht separat bepunktet — bewertet wird der gesamte Run als Ganzes.
Liegen alle sechs Wertungen vor, werden die höchste und die niedrigste gestrichen (damit kein einzelner Kampfrichter zu viel Einfluss hat). Aus den verbleibenden vier Wertungen wird der Durchschnitt gebildet. Diese Methode heißt getrimmtes Mittel.
Beispiel: Ein Rider bekommt 78, 82, 84, 85, 86 und 91. Die 78 und die 91 fallen raus, der Endwert ist der Durchschnitt aus 82, 84, 85 und 86 = 84,25.
In den meisten Wettkämpfen bekommen die Athleten zwei bis drei Runs, und nur der beste Einzelwert zählt für die Endplatzierung.
Worauf achten die Kampfrichter? Die PAVED-Kriterien
Die Kampfrichter werten unter dem Leitprinzip Gesamteindruck (Overall Impression) anhand des PAVED-Rasters. Das ist keine Checkliste, in der jeder Buchstabe eine eigene Punktzahl bekommt — sondern fünf Prinzipien, die das Urteil leiten. Starre Trick-Listen werden bewusst vermieden, damit der Sport sich weiterentwickeln kann.
| Criteria | Description |
|---|---|
| P — Progression | Treibt der Rider den Sport voran? Neue Tricks, kreative Kombinationen oder bisher ungesehene Elemente bringen mehr Punkte. |
| A — Amplitude | Wie hoch und wie weit geht der Rider? Mehr Höhe heißt mehr Zeit für komplexe Tricks und zeigt überlegene Geschwindigkeitskontrolle. |
| V — Variety | Enthält der Run unterschiedliche Tricktypen, Drehrichtungen (Frontside, Backside, Switch) und Grabs? Wiederholungen desselben Tricktyps werden abgestraft. |
| E — Execution | Wie sauber landen die Tricks? Flüssige Take-offs, gehaltene Grabs, stabile Landungen und persönlicher Stil zählen mit. |
| D — Difficulty | Wie technisch anspruchsvoll sind die Tricks? Mehr Rotationen (1080, 1260, 1440+), Flips (Double Cork, Triple Cork) und Switch-Tricks ergeben höhere Wertungen. |
Wie die einzelnen Disziplinen gewertet werden
Alle drei olympischen Freestyle-Disziplinen nutzen dieselben PAVED-Kriterien und die 0–100-Skala — das Format unterscheidet sich aber:
Halfpipe
Die Rider zeigen fünf bis sieben Tricks in einer U-förmigen Rinne mit über 6,7 Meter hohen Wänden. Die Kampfrichter achten auf konstante Amplitude (Höhe über der Kante), Variation der Rotationen an beiden Wänden und saubere Landungen zurück in die Transition. Die besten Rider halten die Höhe über den gesamten Run — nicht nur beim ersten Hit. Eine Top-Halfpipe-Wertung verlangt in der Regel mindestens zwei verschiedene 1260+-Rotationen mit sauberen Grabs.
Slopestyle
Die Rider fahren einen Kurs mit Rail-Sektion (oben) und großen Kickern (unten) in einem durchgehenden Run von 30 bis 60 Sekunden. Bewertet wird der gesamte Run — eine starke Sprung-Sektion kann schwache Rail-Tricks nicht vollständig ausgleichen. Die besten Slopestyle-Runs zeigen technisches Können auf den Rails, progressive Sprünge und flüssige Übergänge zwischen den Features.
Big Air
Die Rider haben drei Sprünge über einen einzigen großen Kicker, die zwei besten Wertungen werden addiert. Entscheidend: Die beiden zählenden Sprünge müssen unterschiedliche Tricks enthalten (andere Rotation oder andere Achse). So lässt sich der beste Trick nicht dreimal wiederholen — Vielseitigkeit zählt.
Geht nach einem Sturz noch eine hohe Wertung?
Eine der häufigsten Fragen zur Snowboard-Wertung — und die Antwort hat Nuancen:
Ein Sturz kostet typisch 10–15 Punkte vom Gesamteindruck der Kampfrichter, je nach Schwere. Eine Hand, die bei der Landung den Schnee berührt, kostet 2–5 Punkte. Ein voller Sturz, bei dem der Rider fällt und rutscht, drückt die Wertung meist auf den Bereich 50–65 — unabhängig davon, wie schwer der Trick war.
Die Kernregel: Ein sauberer Run mit mittlerer Schwierigkeit schlägt fast immer einen gestürzten Run mit höherer Schwierigkeit. Ein Rider, der alle Tricks sauber mit 1080s und Double Corks landet, wird in der Regel höher bewertet als jemand, der Triple Corks versucht, aber bei einem davon stürzt.
Es gibt aber strategische Ausnahmen:
- Im Big Air zählen nur zwei von drei Sprüngen — ein Sturz auf einem Sprung schadet nicht, wenn die anderen zwei sauber sind.
- Im Slopestyle trifft ein Sturz auf dem letzten Feature weniger hart als auf dem ersten, weil die Kampfrichter den Großteil des Runs schon gesehen haben.
- Liegt ein Rider auf dem letzten Platz und hat nichts zu verlieren, kann ein extrem schwerer Trick (auch mit Sturzrisiko) ein kluger Versuch sein.
Die Philosophie des Sports ist klar: Schwierigkeit ohne saubere Ausführung gewinnt keine Wettkämpfe.
Olympische Snowboard-Wertung in Mailand-Cortina 2026
Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand-Cortina gibt es sechs Freestyle-Snowboard-Entscheidungen: Halfpipe, Slopestyle und Big Air — jeweils Frauen und Männer. Alle nutzen das oben beschriebene PAVED-System.
Das Niveau bei Olympia ist deutlich gestiegen. Bei den letzten Spielen lagen Siegerwertungen im Slopestyle zwischen 86 und 96, in der Halfpipe erreichen die Top-Rider regelmäßig die mittleren 90er. Die Kombination aus Triple-Cork-Varianten, Switch-Riding und kreativen Grab-Kombinationen, die heute für eine Medaille nötig ist, geht weit über das hinaus, was vor einem Jahrzehnt als grenzwertig galt.
Die zentralen Namen für 2026: Chloe Kim (Halfpipe), Zoi Sadowski-Synnott (Slopestyle/Big Air), Kokomo Murase (Slopestyle), Marcus Kleveland (Slopestyle/Big Air) und Ayumu Hirano (Halfpipe). Diese Rider schieben die Schwierigkeitsgrenze des Sports nach oben und halten dabei eine sehr saubere Ausführung.
Häufige Irrtümer zur Snowboard-Wertung
„Jeder Trick bekommt eine eigene Wertung.“ — Falsch. Die Kampfrichter werten den gesamten Run ganzheitlich auf der 0–100-Skala, nicht einzelne Tricks.
„Mehr Rotationen heißt automatisch höhere Wertung.“ — Nicht zwingend. Ein sauberer 1080 kann einen schlampigen 1440 schlagen, weil Ausführung genauso zählt wie Schwierigkeit.
„Kampfrichter strafen sichere Runs ab.“ — Nicht ganz. Ein technisch sauberer Run mit mittlerer Schwierigkeit bekommt eine solide Wertung (untere bis mittlere 80er). Für die 90er brauchen die Athleten zusätzlich Progression und hohe Schwierigkeit bei sauberer Ausführung.
„Halfpipe und Slopestyle werden unterschiedlich gewertet.“ — Sie nutzen exakt dieselben PAVED-Kriterien und die 0–100-Skala. Der Unterschied liegt im Format (Halfpipe = Tricks an den Wänden hin und her, Slopestyle = Rails plus Kicker entlang eines Kurses).
„X Games und Olympia haben unterschiedliche Wertungssysteme.“ — Beide folgen dem Gesamteindruck-Prinzip mit PAVED und der 0–100-Skala unter FIS-Vorgaben. Einzelne Panels entwickeln zwar ihre eigene Kultur, das Raster und die Wertungsmechanik bleiben über alle großen Wettkämpfe konsistent.
Beispielwertung: ein Slopestyle-Run
Schauen wir uns an, wie die Kampfrichter einen fiktiven Slopestyle-Run werten könnten:
Der Run:
- Rail 1: Switch-on 270 Pretzel zu Regular (kreativer Rail-Einstieg)
- Rail 2: 50-50 zu Frontside Boardslide (solide, aber Standard)
- Sprung 1: Backside Double Cork 1260 Mute Grab (hohe Schwierigkeit, saubere Landung)
- Sprung 2: Frontside Triple Cork 1440 Safety Grab (sehr hohe Schwierigkeit, leichtes Handabsetzen bei der Landung)
- Sprung 3: Cab Double Cork 1260 Japan Grab (Switch-Take-off, saubere Ausführung)
Was die Kampfrichter bewerten:
- Progression: Triple Cork 1440 zeigt progressives Riding — Top-Wertung
- Amplitude: Konstant große Höhe auf allen drei Sprüngen — stark
- Variety: Mehrere Rotationsrichtungen (Backside, Frontside, Cab), verschiedene Grabs (Mute, Safety, Japan), Switch und Regular — sehr gut
- Execution: Sauber bei vier von fünf Features, aber leichtes Handabsetzen bei Sprung 2 — kleiner Abzug
- Difficulty: Double und Triple Corks mit hohen Rotationszahlen — sehr hoch
Wahrscheinliche Wertung: 88–93
Das Handabsetzen beim Triple Cork verhindert eine Wertung über 95. Schwierigkeit, Vielfalt und Progression machen den Run aber zu einem Podiums-Kandidaten. Bei sauberer Landung wären eher 93–97 drin.
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Häufige Fragen
Primärquellen
- FIS Freestyle Snowboard Rules and Specifications — FIS
- FIS Judges Handbook — Snowboard Halfpipe, Slopestyle, Big Air — FIS
- Olympische Spiele Snowboard — Ergebnisse und Wertungsreferenz — International Olympic Committee
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