Wie funktioniert die Wertung im Gerätturnen?
D-Note, E-Note, Abzüge und der Code of Points 2025–2028
Zuletzt aktualisiert: 21. April 2026
Jede Übung im Gerätturnen bekommt zwei getrennte Wertungen, die zusammengezählt werden. Die D-Note (Schwierigkeitswert) hat keine Obergrenze und belohnt die Komplexität der gezeigten Elemente — bewertet von A (0,1) bis J (1,0). Die E-Note (Ausführung) startet bei 10,0 Punkten und wird durch Abzüge für Fehler in Haltung, Landung und Artistik reduziert. Die Endwertung ergibt sich aus D-Note + E-Note − neutrale Abzüge. Ein Kampfgericht von bis zu neun Kampfrichtern bewertet jede Übung nach dem FIG-Code-of-Points, der alle vier Jahre überarbeitet wird.
Was ist die D-Note und wie wird sie berechnet?
Die D-Note (Schwierigkeitswert) misst, wie anspruchsvoll der Inhalt einer Übung ist. Zwei Kampfrichter im D-Kampfgericht bewerten jede Übung unabhängig und müssen sich auf einen gemeinsamen Wert einigen. Anders als im alten 10,0-System hat die D-Note keine Obergrenze — je schwieriger die Elemente, desto höher steigt sie.
Die D-Note setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem Schwierigkeitswert (DV) der gezählten Top-Elemente, den Boni aus den Composition Requirements (CR) und dem Verbindungswert (CV) für direkt aneinander gehängte Elemente.
Nach dem Code of Points 2025–2028 zählen im Frauenturnen (WAG) die 8 Elemente mit dem höchsten Wert (inklusive Abgang) in die DV. Im Männerturnen (MAG) sind es die 10 besten Elemente. Das ist eine Reduktion gegenüber früheren Zyklen — der Code 2022–2024 zählte im WAG noch 10 Elemente.
Jedes Element im FIG-Code-of-Points trägt einen Buchstabenwert von A bis J, der seine Schwierigkeit angibt. Ein A-Element zählt 0,1 Punkte, ein B-Element 0,2 Punkte und so weiter bis zum J-Element mit 1,0 Punkten. Spitzen-Turnerinnen und -Turner bauen ihre Übungen typischerweise aus D-Elementen (0,4) bis G-Elementen (0,7) auf.
| Rating | Value | Level | Example |
|---|---|---|---|
| A | 0,1 | Grundstufe | Rolle vorwärts, einfacher Handstand |
| B | 0,2 | Anfänger | Flickflack, einfaches Felgaufschwingen am Stufenbarren |
| C | 0,3 | Mittelstufe | Salto rückwärts gehockt, Rondat-Salto gestreckt |
| D | 0,4 | Fortgeschritten | Doppelsalto rückwärts gehockt, Tkachev am Stufenbarren |
| E | 0,5 | Elite | Doppelsalto gestreckt, Amanar-Sprung |
| F | 0,6 | Super-Elite | Dreifachschraube, Produnova-Sprung |
| G | 0,7 | Weltklasse | Biles II (Boden), Nabieva (Stufenbarren) |
| H–J | 0,8–1,0 | Außergewöhnlich | Nach Pionierinnen und Pionieren benannte Elemente |
Wie funktionieren Composition Requirements und Verbindungswert?
Über die reine Schwierigkeit hinaus enthält die D-Note Boni für erfüllte Composition Requirements (CR) und für das direkte Aneinanderhängen von Elementen durch den Verbindungswert (CV).
Die Composition Requirements sorgen dafür, dass eine Übung eine ausgewogene Mischung von Elementgruppen enthält. Jedes Gerät hat eigene Anforderungen — beim Boden zum Beispiel akrobatische Elemente in mehreren Richtungen, eine Tanzpassage und bestimmte Drehelemente. Jede erfüllte CR bringt 0,5 Punkte in die D-Note. Mit vier CR pro Gerät kommen so bis zu 2,0 Bonuspunkte zusammen, wenn die geforderte Vielfalt im Vortrag steht.
Der Verbindungswert belohnt Turnerinnen und Turner, die schwierige Elemente ohne Pause direkt verbinden. Eine D-zu-D-Verbindung am Boden bringt 0,1 bis 0,2 Bonuspunkte pro Connection. Auf dem Schwebebalken zählt eine C-Akrobatik direkt an eine B-Akrobatik gehängt 0,1 CV. Diese Boni machen flüssige, riskante Kombinationen attraktiver als isolierte Einzelelemente mit Pausen dazwischen.
Der Code 2025–2028 hat eine spürbare Neuerung gebracht: einen Bonus von 0,1 für gestandene Abgänge ohne Schritt oder Hopser auf allen Geräten außer dem Pauschenpferd, sofern der Abgang mit C oder höher bewertet ist. Damit zahlen sich saubere Landungen direkt aus und die Wahl des Abgangs bekommt eine strategische Komponente.
Was ist die E-Note und wie werden Abzüge angewendet?
Die E-Note (Ausführung) bewertet, wie sauber die Übung geturnt wird. Jede Übung startet mit einem Ausgangswert von 10,0 Punkten. Fünf Kampfrichter im E-Kampfgericht ziehen unabhängig voneinander Punkte für jeden beobachteten Fehler ab. Die höchste und die niedrigste E-Note werden gestrichen, die drei verbleibenden Wertungen ergeben gemittelt die finale E-Note.
Abzüge gliedern sich in vier Kategorien. Kleine Fehler wie ein leicht gebeugter Fuß oder ein kurzes Wackeln im Gleichgewicht kosten 0,1 Punkte. Mittlere Fehler wie eine deutlich gespreizte Beinhaltung oder ein klares Wackeln kosten 0,3 Punkte. Große Fehler wie eine tiefe Hocke in der Landung oder ein deutlicher Haltungsfehler kosten 0,5 Punkte. Ein Sturz — wenn die Hände, Knie oder der Körper unbeabsichtigt das Gerät oder den Boden berühren — kostet 1,0 Punkt aus der E-Note.
Das E-Kampfgericht bewertet auf Boden und Schwebebalken zusätzlich die Artistik. Dazu gehören Musikalität, Ausdruck, choreografische Kreativität und die Qualität der Tanzelemente. Eine technisch saubere Übung ohne Artistik bekommt trotzdem Ausführungsabzüge.
Nach dem Code 2025–2028 ist der Landungsabzug pro Element auf 0,80 begrenzt (ohne Stürze). Selbst bei mehreren Schritten oder Hopsern in der Landung übersteigt der Abzug für diese eine Landung nicht 0,80 — eine Änderung, die unverhältnismäßige Strafen für schwierige Elemente mit unsauberer Landung verhindern soll.
| Error | Deduction |
|---|---|
| Klein (gebeugte Füße, leichte Beinspreizung) | 0,1 |
| Mittel (deutliches Wackeln, gebeugte Arme im Handstand) | 0,3 |
| Groß (tiefe Hocke in der Landung, deutlicher Haltungsfehler) | 0,5 |
| Sturz (Kontakt mit Gerät oder Boden) | 1,0 |
| Maximaler Landungsabzug pro Element (ohne Sturz) | 0,8 max. |
Was sind neutrale Abzüge im Turnen?
Neutrale Abzüge greifen nach der Addition von D-Note und E-Note. Sie ahnden Regelverstöße, die nichts mit der Bewegungsqualität zu tun haben, und werden vom Oberkampfrichter oder einer dafür bestimmten Person vergeben.
Der häufigste neutrale Abzug fällt am Boden an, wenn die Linie verlassen wird. Ein Körperteil außerhalb der Begrenzungslinie kostet 0,1 Punkte; mehrere Körperteile oder eine komplette Landung außerhalb kosten 0,3 Punkte. Wer ein Element von außerhalb der Linie startet, bekommt für dieses Element gar keinen Schwierigkeitswert.
Zeitüberschreitungen sind eine weitere Quelle neutraler Abzüge. Bodenübungen der Frauen dürfen nicht länger als 90 Sekunden dauern, auf dem Schwebebalken gilt ebenfalls das 90-Sekunden-Limit. Jede Überschreitung führt zu einem neutralen Abzug von 0,1. Ein Signalton warnt die Turnerin, wenn noch 10 Sekunden bleiben.
Weitere neutrale Abzüge betreffen Bekleidungsverstöße (0,2 pro Verstoß), das Versäumnis, sich vor dem Beginn beim Oberkampfgericht anzumelden (0,3), oder die unzulässige Nutzung des Sprungbretts (0,5). Im Elite-Bereich sind solche Abzüge selten, in Nachwuchswettkämpfen können sie die Wertung aber spürbar drücken.
Wie viele Kampfrichter werten eine Übung im Gerätturnen?
Bei FIG-Wettkämpfen bewertet ein Kampfgericht aus neun Personen jede Übung. Es teilt sich in spezialisierte Gruppen auf, die für unterschiedliche Teile der Wertung verantwortlich sind.
Das D-Kampfgericht besteht aus zwei Kampfrichtern, die den Schwierigkeitsinhalt bewerten. Beide notieren die gezeigten Elemente unabhängig voneinander und berechnen die D-Note. Bei abweichenden Werten beraten sie sich, bis sie zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Trainerinnen und Trainer können eine formelle Inquiry einreichen, wenn sie der Meinung sind, ein Element sei übersehen oder falsch bewertet worden.
Das E-Kampfgericht bestand ursprünglich aus fünf Personen, die die Ausführung bewerten. Jede startet bei 10,0 und nimmt Abzüge vor. Die höchste und die niedrigste Wertung werden gestrichen, die drei verbleibenden gemittelt. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 hat die FIG das E-Kampfgericht auf sieben Kampfrichter erweitert (anstelle des früheren Reference Panels); die beiden höchsten und die beiden niedrigsten Wertungen fallen weg, die mittleren drei werden gemittelt.
Eine Inquiry ist nur gegen die D-Note, die Composition Requirements, den Verbindungswert oder neutrale Abzüge möglich. Ausführungsabzüge sind subjektiv und nicht anfechtbar. Die Inquiry muss vor Ende der laufenden Riege eingereicht werden und kostet eine Gebühr, die bei erfolgreichem Einspruch erstattet wird.
Wie unterscheidet sich die Wertung zwischen den Geräten?
Im Gerätturnen turnen die Frauen an vier Geräten (Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken, Boden), die Männer an sechs (Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung, Barren, Reck). Der Rahmen aus D-Note und E-Note gilt überall, jedes Gerät bringt aber eigene Besonderheiten mit.
Der Sprung wird anders bewertet als alle anderen Geräte. Geturnt wird ein einzelner Sprung aus der FIG-Sprungtabelle; jeder Sprung hat dort einen fest zugeordneten Schwierigkeitswert. Der Yurchenko Doppelsalto gehockt (von Simone Biles geturnt) trägt eine D-Note von 6,400 — der höchste Wert in der Frauen-Sprungtabelle. Die Kampfrichter bewerten nur die Ausführung; der Sprung ist damit das objektivste Gerät.
Der Schwebebalken ahndet Pausen als einziges Gerät besonders. Wer länger als 2 Sekunden keine Bewegung zeigt, bekommt einen zusätzlichen Abzug. Stürze vom Balken kosten 1,0 aus der E-Note plus einen möglichen neutralen Abzug. Die Übung darf höchstens 90 Sekunden dauern.
Die Bodenübung ist das einzige Gerät, an dem Artistik und Musikalität bewertet werden (nur bei den Frauen — die Männer turnen am Boden ohne Musik). Bewertet werden choreografische Kreativität, Ausdruck und wie gut die Bewegung zur Musik passt. Die 12×12 Meter große Fläche sorgt regelmäßig für Linienabzüge.
Das Pauschenpferd (Männer) gilt als das technisch anspruchsvollste Gerät für das Kampfgericht: komplexe Kreis- und Scherbewegungen müssen ohne Unterbrechung fließen. Es ist auch das einzige Gerät, an dem der neue Bonus 2025–2028 für gestandene Abgänge nicht zählt.
Beispielrechnung: Wie eine Boden-Wertung im Frauenturnen entsteht
Hier ist eine Schritt-für-Schritt-Rechnung für eine Boden-Übung im internationalen Frauenturnen.
Schritt 1 — Schwierigkeitswert (DV): Die Turnerin zeigt 10 Elemente. Die 8 mit dem höchsten Wert zählen:
- Doppelsalto gestreckt (E = 0,5)
- Doppelsalto gebückt (D = 0,4)
- Doppelsalto rückwärts mit ganzer Schraube (E = 0,5)
- Doppelsalto gehockt (D = 0,4)
- Switch-Ring-Sprung (D = 0,4)
- Wolf-Drehung doppelt (D = 0,4)
- Salto vorwärts gestreckt mit ganzer Schraube (D = 0,4)
- Rondat, Flickflack, Doppelsalto gebückt als Abgang (D = 0,4)
DV gesamt = 0,5 + 0,4 + 0,5 + 0,4 + 0,4 + 0,4 + 0,4 + 0,4 = 3,5
Schritt 2 — Composition Requirements (CR): Die Übung erfüllt alle vier CR:
- Akrobatische Linie mit zwei Salti (0,5)
- Akrobatisches Element in der zweiten Richtung (0,5)
- Salto mit mindestens 360°-Schraube (0,5)
- Tanzpassage mit zwei verbundenen Sprüngen (0,5)
CR gesamt = 2,0
Schritt 3 — Verbindungswert (CV): Zwei D+D-Akro-Verbindungen bringen je 0,1 = 0,2
D-Note = 3,5 + 2,0 + 0,2 = 5,7
Schritt 4 — E-Note: Fünf Wertungen im E-Kampfgericht: 8,2 — 8,4 — 8,0 — 8,3 — 8,5. Höchste (8,5) und niedrigste (8,0) streichen. Mittelwert der drei verbleibenden: (8,2 + 8,4 + 8,3) / 3 = 8,300
Schritt 5 — neutrale Abzüge: Einmal Linie übertreten (ein Fuß) = −0,1
Endwertung = 5,7 + 8,300 − 0,1 = 13,900
(Hinweis: Boden-Wertungen im internationalen Frauenturnen liegen bei Weltmeisterschaften und Olympia typischerweise zwischen 13,0 und 15,0; Werte über 14,5 gelten als außergewöhnlich. Simone Biles hat am Boden Wertungen über 15,0 erreicht, was den seltenen Schwierigkeitsgrad ihrer Übungen widerspiegelt.)
Bereit, Wettkämpfe zu werten?
JudgeMate ist eine kostenlose Plattform für Sportwettkämpfe und berechnet die Punktzahl automatisch. Funktionen von JudgeMate für Veranstalter ansehen
FAQ
Primärquellen
JudgeMate kostenlos testen
Digitale Wertungsplattform für jede Sportart auf JudgeMate.